„Mach langsam, im Moment gibt es gerade Beschwerden von Fußgängern auf der Heavy24-Strecke“ so oder so ähnlich bin ich zum ersten 24 Stunden Rennen meines Lebens gekommen. Danny, ein Gründer der MTB-Fotografen bike-events.eu und alter Bekannter aus meiner Schulzeit hatte mir einen Kommentar auf Strava zu meiner Fahrt hinterlassen.

Das Heavy24-Problem

Ich war gerade das erste Mal auf der sagenumwobenen Strecke. Mit meiner Zeit, vorallem im Vergleich zu den anderen Sportlern auf Strava, war ich ganz zufrieden und wusste mich ungefähr einzuordnen. Der beste fuhr 19:32 Minuten, ich war mit 22:22 in den vorderen 10%. Dabei hatte ich mich einmal verfahren und ab und zu wegen Wanderern langsamer gemacht.

Der Kommentar von Danny zielte genau auf das langsamer Machen ab, da sich anscheinend manche Biker wegen Strava wie die Wildschweine zur Brunftzeit benahmen und durch ihr rücksichtsloses Verhalten das ganze Event gefährdeten, wie dieser Facebook-Post von den Heavy24-Organisatoren belegt.

Strava und das Heavy24

Strava ist praktisch das Facebook für Biker, Runner, Schwimmer, Triathleten und so weiter. Per GPS lassen sich hier Strecken erstellen und anschließend auf Zeit befahren. Was ein ganz cooles Tool für Training, Ego und kumpelhaften Wettkampf ist, artet bei manchem Zeitgenosse etwas aus, sodass einem zahmen Wanderweg Rennstrecken-Charakter ohne Rücksicht auf Verluste zugemutet wird. Dieses Fehlverhalten wird auch als #stravasshole bezeichnet; also eine Verbindung aus strava und asshole … das sollte selbsterklärend sein. Im folgenden Video seht ihr sehr treffend das Problem mit den Bikern, auf welches die Heavy24-Veranstalter aufmerksam machen wollten (nur die 13 Sekunden nach Start des Videos)

Und so kam ich zum Heavy24

Doch zurück zum eigentlichen Geschehen. Eigentlich hatte ich ja gar nicht vor mitzufahren. Mein Geld war gerade alle und nach der letzten und bisher größten Tour über 3500 Höhenmetern zum Fichtelberg war meine Hinterrad-Felge kaputt … und das kostete auch wieder. Also kümmerte ich mich nicht wirklich um einen Platz beim Heavy24. Ich schrieb mal ein Team an, aber die hatten schon einen Fahrer gefunden. Dabei ließ ich es bleiben.

Doch dann schrieb Danny mir wieder. „Hey, in der 8er-Staffel von den Wurzelhüpfern ist ein Platz frei geworden. Willst du?“ – „Klar!“. So einfach war das gegessen und ich war doch dabei. Ob ich wusste, auf was ich mich da einließ?! 😀

Das Rad und ich – eine stressige Beziehung

Naja, ganz so ist es auch wieder nicht, aber hey! Die Woche vor dem Heavy24 war zum Kotzen! Ehrlich. Bei 3 Radläden hatte ich Sachen bestellt. Mit DPD steh ich auf Kriegsfuß, Hermes ist auch nicht so easy und mit DHL lieferte keiner der 3. Da lob ich mir Amazon Prime. Nur nicht zu 3x so teuren Preisen. So kam es, dass ich meinen Sachen hinterher telefonieren musste, nur um festzustellen, dass die Hälfte davon zu spät kommt. Und ausgerechnet die Klamotten … Da ich sowieso schon pleite war, könnt ihr euch vorstellen, wie angetan ich war, jetzt nochmal irgendwoher 150€ zu kratzen, um mir im Decathlon noch Bike-Klamotten zu kaufen, dass ich überhaupt Wechselsachen habe.

Meine Felge schaffte es dann am Freitag – also einen Tag vorm Heavy24 – endlich auch zu mir und so konnte ich pünktlich einen Tag vor dem Rennen mein Bike noch auf tubeless umbauen. Das heißt: Meine Reifen ab jetzt ohne Schlauch. Wenn es dicht ist, gibt es faktisch Null Pannengefahr. Mache ich einen Fehler, steh ich zum Rennen wie der Idiot da und darf mein Bike schieben. Schön – genau solche Experimente wollte ich vor dem Rennen!

Im Nachhinein war alles gar nicht so wild, doch für den Moment nagte das ganz schön an meinen Nerven (und meinem Zeitkonto für andere Sachen).

Die Wurzelhüpfer-Gang vom Härtewerk Chemnitz

Am Freitagabend war es dann so weit. Ich raste gerade mit Strassmund – meinem Stadtrad – vom Decathlon nach Hause, weil Danny bereits auf mich wartete, um mit mir zum Heavy24 Zeltplatz zu fahren… das Team kennenlernen und die Woche ausklingen lassen. Und so kamen wir dann gegen halb 6 auf dem Gelände des Stausee Rabenstein an. Die komplette Wiese hatte sich in ein Zeltlager verwandelt, das in den folgenden gut 40 Stunden Schauplatz eines der spektakulärsten Mountainbike 24-Stunden-Rennen Deutschlands sein würde. Heute hieß es allerdings erstmal Formalitäten klären, Sachen besprechen und ganz wichtig – Essen. Und so kam es, dass ich eine wunderbare und supercoole Truppe kennenlernte. Wie ich in den kommenden 2 Tagen merken sollte, war das Team noch dazu super organisiert. Welch ein Glück, dahin gekommen zu sein!

Doch für mich ging es erst nochmal nach Hause. Eigentlich wollte ich ja Bus fahren, doch hatte ich in meine Nahverkehrs-App (Öffi ist der Hammer, wenn richtig bedient!) irgendwelchen Mist eingegeben. Es fuhr überhaupt kein Bus mehr und so musste ich bis in die Stadt laufen. So kam ich in einen kurzen Regenschauer, der sich als wahrer Glücksgriff erwies. Denn einen doppelten Regenbogen sieht man nicht so oft 😊

 

Action – aufstehen und auf zum Heavy24

Ein bisschen zu spät weckte ich am Samstag früh nach nur 5 Stunden Schlaf auf, duschte mich und packte noch ein paar Sachen ein. Ich war ja so froh, dass mein Tubeless-Umbau funktioniert hatte und die Reifen nur wenig Luft verloren hatten. Ich pumpte also noch ein wenig Luft nach und startete Richtung Stausee zum Heavy24-Gelände. Da ich recht spät dran war, nahm ich im Stadtzentrum eine Bahn, was mir 10 Minuten Fahrzeit sparte. Halb 9 schlug ich dann bei den Wurzelhüpfern auf und war schon jetzt gespannt wie ein Flitzebogen. Dabei war ich nach Plan erst 15.30 Uhr mit meiner ersten Fahrt dran.

Doch erstmal hieß es Bike abstellen und frühstücken. Wie man auf dem Bild sieht, hatten wir einen ordentlichen Fuhrpark zu bieten. Ganz vorn auf dem Bild steht Dannys Bike, der mir die Geschichte überhaupt eingebrockt hat. Er nahm sich für dieses Event mal eine Auszeit und schoss keine Fotos, sondern ging lieber als Einzelstarter für die 24 Stunden an den Start. Kranker Hund! Mir legte er die Kamera mit den Worten hin: „Hey, wenn du Lust hast, kannst du einfach Fotos machen.“ Lust hatte ich, Zeit allerdings keine. Dafür setze ich hier einen Link. Also: Fotos vom Heavy24 gibt’s auf Bike-Events.eu.

Jetzt hieß es erstmal mein Team kennen zu lernen. Wir waren 8 Starter, darunter Leo, Kai, Andreas, Timo und noch 3 weitere, die sich in den nächsten 24 Stunden frohen Mutes verausgaben wollten. Möglich machte dieses Vorhaben überhaupt erst unser Betreuerteam rund um Line, Suse, Jana und Jenny, um nur ein paar zu nennen. So waren wir stets mit immer neuen Köstlichkeiten versorgt und konnten uns voll aufs Rennen konzentrieren. Jenny (instagram), unser Foto-Monster 😉,  ging nebenbei noch auf Foto-Jagd. Die meisten Fotos in diesem Artikel stammen aus ihrer Feder.

Rückblickend muss ich sagen, dass es schon ein Wahnsinn ist, wie viel zu einer ordentlichen Organisation dazugehört. Ich bin ja selbst ein Freak von Automatisierung, perfekten Systemen und davon, unnötigen Aufwand sparen – und gerade deswegen war es für mich als Neuling ein echtes Aha-Erlebnis. Es sind all die kleinen Details in Summe, wie zum Beispiel die Boxen für jeden Fahrer, wo er all seine wichtigen Sachen einfach reinwirft, dass er sie nicht irgendwo liegen lässt und ewig sucht (bis auf mein Handy hat das sogar für alles geklappt).

Genug Geplapper – lass das Heavy24 beginnen

Jaja, ok – geht ja schon los! Und zwar pünktlich 12 Uhr. Nicht für mich, aber für meine 8er-Staffel. Ich hab das alles vom Streckenrand beobachtet. Für mich eine wunderbare Erfahrung, hat sie mich doch an 2015 in Bad Goisern bei der Salzkammergut Trophy erinnert. Damals war die 60 Jahresfeier der Prinzenrolle und ich stand als Prinz verkleidet, Probepackungen verteilend am Rand und dachte mir so: „Wow, irgendwann fahr ich hier auch mit. Diese Stimmung, die Atmosphäre – es ist ein Wahnsinn!“

Zur Salzkammergut Trophy war ich noch nicht (Artikel folgt in ein bis zwei Jahren), aber jetzt diesen Start miterleben zu dürfen hat diese alte Erinnerung wieder aufflammen lassen.

Und wie läuft das hier eigentlich?

Jetzt erlebte ich das Team das erste Mal im Rennablauf. Irgendwie waren alle eingespielt. Ich fand das cool! Ich selbst allerdings hatte noch immer Bammel vor meinem Start – so wie das mit allen Sachen ist, auf die ich nicht vorbereitet bin. Ich hab ja prinzipiell kein Problem mit Spontanität. Im Gegenteil, ich liebe sie! Aber dort, wo ich vorbereitet sein kann, indem ich mich belese, andere frage und mir was abschaue, da hasse ich es, unvorbereitet in die Situation zu gehen.

Getreu diesem Motto hatte ich schon lange vor dem Rennen im Internet gesucht, wie so ein Rennen abläuft. Und die Zeit vom Start bis zu meinem ersten Lauf nutzte ich dazu, an der Wechselzone zu schauen, wie das so läuft … mit diesem Wechsel.

Ankommender Fahrer kommt an, steigt ab, springt über einen Balken, ab dem nicht mehr gefahren werden darf und rennt zum angehenden Fahrer. Dort übergibt er das Staffelband. Es gab die verrücktesten Varianten, das Band zu übergeben. Manche machten es dem andern um den Arm (so wie wir). Andere machten es um den Lenker, wieder andere um die Sattelstütze und die nächsten übergaben sich eine Trinkflasche, wo das Magnetbändchen drin war. Nach diesem Teil muss der neue Fahrer nur noch in Fahrtrichtung losrennen, ebenfalls mit seinem Bike über einen Balken auf die Strecke springen, aufs Rad und ab geht die Post.

Nun hieß es für mich noch kurz warten und anschließend auf dem Trainer aufwärmen. Gott war ich heiß – auch ohne Aufwärmung!

 

Race-Mode

15.XX Uhr – ich weiß die Zeit ehrlich gesagt nicht mehr genau … und genauso wenig, wer vor mir gefahren ist. Ich glaube Kai. Auf jeden Fall steh ich in der Wechselzone und kann es kaum noch erwarten. Meine Augen sind nach links auf die Rampe gerichtet, wo die Fahrer vor der Wechselzone drüber fahren. Dort hab ich nach unserem Trikot Ausschau gehalten. Mit mir dabei war Suse, die mir seelische und moralische Unterstützung gab.

Was sie noch nicht wusste – und ich auch nicht, war, dass ich sie in knapp 21 Minuten ein wenig schocken würde 😊 Doch alles der Reihe nach. Auf einmal sehe ich Kai über die Rampe jagen und in die Wechselzone kommen. Ich bin bereit, bekomme das Magnetbändchen und ab geht’s. In vollem Speed renne ich los, springe mit meinem Rad über den Balken und weiter auf die geteerte Strecke.

Aaaaautsch!

Mit MTB-Schuhen lässt sich zwar gut laufen, aber beim Übergang von Gras auf Teer habe ich vergessen, dass eine Plastesohle keinen Grip hat. So bin ich auf dem Teer voll ausgerutscht. Das lief irgendwie alles in Zeitraffer ab, denn eh ich mich versehen hab, saß ich schon auf dem Bike. Anscheinend hatte ich mich noch am Rad halten können, bin deswegen nicht hingefallen und konnte aufspringen. Ich weiß noch, wie ich mich gewundert hab, warum Zuschauer „Aaauuuutsch“ rufen und der Fahrer vor mir mich fragt, ob alles ok sei.

Was bitte war denn los?! Alles easy -ich bin bereit! Um das vorweg aufzuklären. Nach der Runde wunder ich mich, warum mein linkes Knie weh tut. Ich schau so hin und seh, dass es aufgeschürft ist. Ich wusste gar nicht woher, bis mir der Ausrutscher am Anfang wieder einfiel. Ich muss wohl mit dem Knie auf dem groben Asphalt geschliffen haben ohne es zu merken.

110% im Seetrail

Gemerkt hatte ich es wirklich nicht. Der Fahrer vor mir fragt mich also, ob alles ok ist. Ich antworte nur ja danke und schieß auch schon an ihm vorbei. Ich hatte mit genügend Leuten geredet, um zu wissen, dass man in diesen 8er Teams jede Runde 110% gibt. Also tat ich das und mein Puls war schon nach 20 Sekunden in den 180ern.

Als 8er-Pilot bist du auch die meiste Zeit mit „links“ oder „rechts“ ansagen beschäftigt, um deinen vorherfahrenden Bikern zu kommunizieren, wo du sie überholen wirst. Schließlich müssen sich die 4er und 2er Staffeln bzw. die Einzelstarter ihre Kräfte im Gegensatz zu dir einteilen.

Am meisten Bock hatte ich ja auf die Trails, wovon es auf der Strecke 3 Stück gab. Von Strava und meiner einen Trainingsrunde in nahezu Renntempo wusste ich, dass ich dort im Vergleich zu den Spitzenleuten nahezu auf einem Niveau bin. Für mich als neuen Fahrer ein ziemlich cooles Gefühl. Und so sah ich zu, vor den Trails keine anderen Fahrer vor meiner Nase stehen zu haben.

Lena – mein Bike – machte ihre Arbeit hervorragend und auch ich schoss topfit den kurzen Anstieg im Seetrail hoch.

 

Kamelrücken

Ich will jetzt nicht die Strecke in ihre Einzelteile zerlegen, auch weil ich sie noch immer nicht komplett im Kopf habe. Aber an den Kamelrücken kann ich mich noch erinnern. Das war die riesige Forst-Autobahn, wo du mit guten Beinen den letzten Gang reinwirfst, gehörig in die Pedale trittst und dich dann wunderst, warum auf einmal 50 km/h auf dem Tacho steht. Dort geht’s ab. Und da ist es auch von Vorteil, Windschattenspiele zu beherrschen. In einen Run profitierte ich davon, im nächsten gab ich einem anderen Windschatten.

Und so erinnere ich mich noch an ein Gespräch, wo ich leicht angepisst nach hinten rufe: „Ey, fährst du auch mal vorn?!“, wohlwissend, dass die ganze Zeit irgendjemand an meinem Hintern klebt. Das kann ich ja leiden!

Als Antwort bekomm ich nur ein: „Neeeee, ich bin ein 2er Team. Ich bin schon jetzt am überpacen.“ – auf deutsch: er fährt schneller, als er eigentlich sollte. Und das weiß er auch.

Uuuups! Da hab ich aber ganz schön ins Fettnäpfchen gegriffen. Während ich nach gut 20 Minuten Fahrzeit für 3 Stunden in meinen Liegestuhl fallen kann, haben die 2er Jungs & Mädels ein 4 mal so hohes Pensum. Ich entschuldige mich also mit den Worten: „Achsoooo. Na dann geb ich alles und du siehst zu, dass du an meinem Hinterrad bleibst. Mal schauen, wie weit wir es schaffen.“ „Guter Mann, guter Mann“ kam nur als Antwort. Irgendwie musste ich da auch an Robert denken, der für die Wurzelhüpfer in einem der beiden 2er Team an den Start ging. Er war im 2er Mixed-Team, Kay und Marcel im 2er Männer-Team.

Mehr Geschichten?
her damit!

Der zweite Trail – hat der eigentlich auch einen Namen?

Während ich also über die endlos lange Forstautobahn um was weiß ich wie viele Kurven blase … ich hab schon lang die Orientierung verloren … freue ich mich schon auf den zweiten Trail. Perfekt für meine Reverb-Sattelstütze!

Ich sehe also auf dem letzten Stück vor dem Trail wieder zu, alle Fahrer zu überholen und drücke kurz vor Trailbeginn meine Fernbedienung, woraufhin die Sattelstütze runtergeht. Perfetk! Ab jetzt Finger von der Bremse, letzten Gang einwerfen und durch massives kurbeln versuchen, die Kette zu zerreißen. Solange das nicht funktioniert, ist gegeben, dass ich verdammt schnell bin. Und die schon ausgefahrenen Anlieger machten es auf der trockenen Strecke leicht, mit Top-Speed entlang zu feuern. War im Trail doch mal jemand im Weg, gab es einen Mittelteil, wo es kurz berghoch ging.

Mit dem Schwung vom ersten Teil, einer „rechts“ Ansage und kräftig weiterkurbeln habe ich mir dort einige Fahrer zurechtgelegt und über einen üblen Wurzelteppich überholt. Aber was hab ich auch 100 Millimeter Federweg, wenn ich sie nicht nutze. Also nach hinten gelehnt, weiter gekurbelt, drüber geholpert und zack – am Mitfahrer vorbei und bereit für den zweiten Teil, der in einer scharfen Linkskurve endete.

Diese Linkskurve! … Ich schwöre, die Sannis an der Kurve saßen nicht umsonst da. Mit jeder Fahrt versuchte ich die Kurve schneller zu nehmen und schaffte das auch. Bei meiner letzten Fahrt allerdings übertrieb ich es aufgrund von chronischem Kraftmangel fast. Mein Bike hatte keinen Grip mehr, ich war in voller Schräglage, aber der verdammte Baum vor mir wollte einfach nicht aus dem Weg gehen. Ich sah schon, wie ich mich herzlich an meinen neuen Freund kuscheln würde und nur die Trage uns wieder würde trennen können. Doch im letzten Moment – ich weiß bis heute ehrlich gesagt nicht, wie ich das gemacht habe, bin ich irgendwie mit meinem Bike nach links gesprungen. Also falls sich jemand mit Fahrtechnik auskennt und weiß, wie es geht, einen Haken zu schlagen – text me! Ich will das immer und auf Abruf können.

Der Kaugummi-Berg

Anschließend ging es einen schnellen Wald-Trail entlang, der in den Kaugummi-Berg mündete. Weniger Berg als Kaugummi war dieser Streckenabschnitt fast immer nass und hatte die magische Fähigkeit, Grip und Erdanziehungskraft zu verdoppeln. Das merkte ich allerdings nur ein wenig ab den Nacht-Runden, war es doch viel zu trocken und die Strecke in einem vorzüglichen Zustand für schnelle Runden. Also hoch diesen magischen Ort, an dessen Ende ein DJ wartete und wortwörtlich die Nacht zum Tag machte. Immer wieder eine willkommene Abwechslung!

Ab zur Rappelkiste

Und so ging es nach dem Kaugummi-Berg auf eine weitere Forstautobahn, die mir ehrlich gesagt richtig auf die Nerven ging. Zumindest ab der Mitte des Rennens. Am Anfang war es noch cool, dort mit Vollgas lang zu pfeifen. Ab der Mitte hatte ich Mühe, dort Geschwindigkeit aufzubauen. So war dieser Teil richtig Quälerei, was aber eher mentaler Natur war. Nach ein bisschen auf und ab kam dann wieder ein Trail, der mit einem Anstieg begann. An diesem Punkt kam mein liebster Streckenabschnitt. Dort hab ich zwar einiges dafür getan, dass mein Bike mal wieder eine Wartung braucht, aber Himmel hilf, war das geil! Die Rappelkiste war ein technisch anspruchsvolles Bergab-Stück, bestehend aus Wurzeln, Löchern und 2 verschiedenen Wegen, das den meisten Bikern die Bremse als ihren besten Freund empfahl.

Da ich nicht so auf fremde Empfehlungen stehe, hab ich auch zugesehen, meine Hände von der Bremse zu lassen und stattdessen zu kurbeln. Ausnahme waren logischerweise andere Biker, denen ich folgen musste, bis sich die erstbeste Möglichkeit gab, zu überholen. Das hieß konkret: der Weg teilte sich. Das passierte in diesem Trailstück mehrere Mal und auf unterschiedlichste Weise. Ich kannte die Ideal-Linie, doch war meist die schnellste Variante durch den Trail: Dort, wo niemand vor mir ist. Das hatte einige böse Drops und im wahrsten Sinne des Wortes Gerappel zur Folge. Die Zuschauer allerdings freute es, wie ich manchen Rufen entnahm.

Zurück ins Kolloseum

Ich war echt froh über diesen Streckenabschnitt, denn es gab Fahrer, die schossen auf den Forstautobahnen an mir vorbei als würde ich stehen. In den Trails holte ich sie entweder ein oder überholte sie. So zumindest mein Plan: ein paar mal passierte es mir allerdings, dass ich nach der Rappelkiste Reifenknistern auf dem Kiesuntergrund hörte. Wir waren gerade auf der Rückseite des Stausees und kurz vorm finalen Anstieg zurück zur Wechselzone. Dieses Reifenknistern waren dann die Fahrer, die eine 2 in der Rundenzeit maximal im Sekundenbereich sehen wollten. Heißt konkret: Der schnellste fuhr 17:xx Minuten und nahm mir damit mal eben ein paar Minuten ab. Ich machte also Platz und ließ ihn vorbeischießen. Wie ich mir ihn von hinten so anschaute, war mir auch klar, warum er so schnell war. Der hatte seine Waden gegen Schnitzereien ausgetauscht! Da war nichts mehr rund und Muskel. Das waren eckige Maßanfertigungen im Designerkleid. Fett kannten die höchstens von der Sonnencreme, Definition war hingegen ihr 2. Vorname. Respekt!

Eh ich jetzt allerdings von fremden Waden schwärme, will ich mich doch ein wenig beeilen. Der Text ist ja jetzt schon eine Ewigkeit lang.

Nachdem ich die Waden beobachtet hatte, ging es eine 170 Grad Kehre nach links und über die Staumauer des Stausees. Gerade in der Nacht eine Faszination der Natur. Im Team erzählte ich nachts mehr aus Spaß als Ernst, dass ich fast angehalten hätte, um die Szene in einem Gemälde festzuhalten, so schön sah das aus. Da fährst du, auf deinem Rad, schaust nach links und siehst, wie sich die Sterne und der Mond in kristallklarem Wasser spiegeln. Es war Vollmond. Die Konturen des nächtlichen Waldes waren haarscharf gezogen. Schwarz auf einem dunklen blau. Das helle Licht des Mondes im Stausee. Vereinzelt Lampen von anderen Fahrern. Es war umwerfend!

Mamamia! Diese Szene hat mich wirklich eingefangen und sich in meinem Hirn eingebrannt. Doch war ich ja nicht zum Malen dort, sondern zum schnell fahren. Also bewegte ich meinen Kopf wieder nach vorn, denn nun kam er: der letzte Anstieg.

Zack, mit vollem Karacho den Weg zwischen den beiden Bäumen hoch, einmal rechts, einmal links – ab auf die Wiese. Jetzt noch eine Linkskurve und die steile Rampe hoch, von der die Heavy24 Organisatoren geschrieben haben, wie schön man von ihr über das ganze Fahrerlager sehen kann. Kann man. Vielleicht. Ich weiß es nicht. Ich hab dort nie irgendwas gesehen, weil mein einziger Fokus war, nochmal alle Kräfte zusammen zu nehmen, die nicht mehr da waren, um noch ein paar Sekunden schneller zu sein.

Ja ist da wer? – Die Wechselzone

Danach hieß es für mich nur noch: Absteigen, über den Balken, das Bike halb meinem Betreuer entgegen rollen lassen … doch halt?! Betreuer?! Wo war der eigentlich. Oder besser sie?! Das zumindest dachte ich mir, als ich von meiner ersten Runde zurückkam, in die Wechselzone komme und niemanden sehe. „Eeeeey“ rufe ich nur so. Halb fassungslos, halb erschöpft und noch viel mehr im Zweifel, ob ich mir da was falsch gemerkt hatte, stehe ich vor vielen anderen Fahrern, die mich gefühlt alle anschauen wie „Hääää?!“

Das alles passierte allerdings in Sekunden und noch eh ich es realisierte, sah ich Suse, die schon herbei geeilt kam mit den Worten: „Oh mein Gott, das ist mir ja noch nie passiert. Dich hab ich noch gar nicht erwartet.“ Jetzt wo ich das schreibe, muss ich schon echt lachen. War die Situation doch im Nachhinein echt witzig und schon deswegen die paar Sekunden wert. Ich übergab mein Wechselband an den nächsten Fahrer und fertig war mein erster Einsatz.

Was dieser Text nicht kann

Was klar sein sollte, ist, dass dieser Text niemals die Faszination eines 24 Stunden-Rennens wiedergeben kann. All das drumherum. Das Leben einen Tag ohne oder mit wenig Schlaf. 24 Stunden rollen Fahrräder um dich herum, sind Menschen wach und in den unterschiedlichsten Zuständen. Die einen versuchen gerade zur Ruhe zu kommen, die anderen sind gerade dabei, in Höchstform zu kommen.

Rennen in der Nacht

Oder die Technik. Die Nacht hat ihre Faszination – ich liebe sie. Und natürlich musst du auf dem Weg auch irgendwas sehen. Jetzt kannst du irgend so eine Baumarktlampe kaufen und fröhlich Akkus einwerfen, bis du siehst, dass du nichts siehst. Oder du investierst mal einen dreistelligen Betrag und hast eine ordentliche Lampe, mit der du schon einen guten Durchblick hast. Du kannst es natürlich auch wie die Wurzelhüpfer machen und mal eben eine Lampe selbst konstruieren. Damit kannst du dann wahlweise die Sonne in den verdienten Sommerurlaub schicken und fuchtelst an ihrer Stelle ein bisschen am Himmel rum. Die 7000 Lumen haben einfach alles überstrahlt.

Als Vergleich: Mach mal deine Handy-LED an. Das Ding hat ungefähr 100 Lumen. Gute Radlampen haben so 1000 oder vielleicht auch noch etwas mehr.

Dann komm aber ich mit dieser Selbstanfertigung dort an, die die ganze Zeit gedrosselt läuft und hab schon vollen Durchblick. Vor den Trails dreh ich dann auf die volle Leistung. Wenn nun ein Fahrer vor mir war, hatte er kein eigenes Licht mehr. Also mein Licht war heller als seins und meins zusammen. Wie das logisch funktioniert, überlasse ich jetzt den Klugsch****n unter uns. Aber es war einfach fantastisch hell. Ich glaub, ich leihe mir so eine Lampe mal aus und mach ein Sonnenstudio auf. Dürfte eine Marktlücke sein.

Körper im Dauerstress

Genauso wenig lässt sich herüberbringen, wie es dem Körper über die 24 Stunden geht. Die unterschiedlichen Zustände hatte ich eben schon angesprochen. Aber der Stress, das unregelmäßige Essen und was weiß ich noch hat bei mir dazu geführt, dass ich mit üblen Bauchschmerzen nachts im Wohnwagen damit beschäftigt war, meinen Mageninhalt dort zu behalten, wo er hingehört. Zu froh war ich nach gut 3 Stunden, wieder aufstehen zu können. All das ruiniert eigentlich Tage. Hier war es … eine kurze Störung.

„Habt ihr einen Tee?!“ und schon kochte das Wasser. Was willst du auch noch sagen, wenn du auf einem Platz voller Menschen 6:17 Uhr einen Tee im Sonnenaufgang trinken kannst. Alle Schmerzen verschwinden da von selbst, weil sie der schönen Erfahrung nicht im Wege stehen wollen.

So lässt sich sagen

Ja, was lässt sich sagen… Ach ja, die Suse schockte ich so, weil ich schon nach 20:23 Minuten wieder zurück kam. Ich hatte einfach Heimweh und sie mich erst eine Minute später erwartet. Suse, du hast gesagt, nächstes Jahr passiert das nicht nochmal. Also entweder gibt’s ein Mädels-Team oder du musst dir deinen Wecker 2 Minuten eher stellen. Nächstes Jahr bin ich noch fixer 😊

Außerdem: Es war ein super Team. Danke Danny für die Möglichkeit und danke allen Beteiligten. Es war eine Gruppe voller herzlicher Menschen und das ist mir im Leben so wichtig. Ich hoffe, ich hab jetzt in diesem Artikel niemanden vergessen und niemanden erwähnt, der das nicht wollte. Falls doch – schreibt mir und ich ändere das.

Persönliches Fazit

Ganz persönlich kann ich nur sagen: mein erstes Rennen 2017 kam unerwartet früh und verlief unheimlich erfolgreich. Eigentlich hatte ich für diese Saison nur den Adelsberg-Marathon angepeilt, allem voran wegen der Herausforderung, ohne Auto zu Rennen zu kommen. Dank der Unterstützung anderer Menschen, allen voran Danny, sind meine Vorhaben hier unheimlich beschleunigt worden, denn bei dem einen Rennen ist es nicht geblieben, jetzt wo ich den Artikel schreibe (Später mehr zum Fichtelberg-Radmarathon).

Beim Blick auf die Ergebnisse habe in der Tat gemerkt, dass ich leistungsmäßig nach nur 90 Stunden Training vielen Hobby-Fahrern schon davon fahre und mich irgendwo zwischen den besten 10-20% einordne. Genetisch passe ich wohl gut zum Mountainbike-Sport. Lieben tue ich ihn auch. Von daher sehe ich mein Alter nicht als Begrenzung, sondern als besondere Herausforderung, den Sport professioneller zu betreiben mit dem Ziel: nächstes Jahr in der C3-Lizenz Punkte zu sammeln. Was ich weiß: 4-4,5 Watt/kg brauch ich dort auf 60 Minuten, um vorn mit dabei zu sein. Irgendwo bei niedrigen bis mittleren 3,x Watt/kg scheine ich im Moment zu sein. Die ganze Leistungsthematik führe ich mir gerade erst zu Gemüte, da ich in den letzten 3 Monaten erstmal die Herzfrequenz-Zonen kennengelernt habe.

Es bleibt also für mich spannend, wohin die Reise geht. Doch eines kann ich sagen: Mountainbiken ist und bleibt ein großer Teil meines Lebens. Diese Mischung aus Sport, mentaler Fitness, Natur, anderen herzlichen Menschen, aber auch der Einsamkeit, um den Bezug zu mir zu behalten, ist etwas ganz Wunderbares und in seiner Mischung einzigartiges.

Keep on riding!

 

Wer den emotionalen Kram lieber in nüchternen Zahlen mag, der darf sich gern mit meiner Herfrequenz-Kurve auf Strava auseinandersetzen.

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