Abzuschalten fällt mir manchmal schwer. Immer dann, wenn ich voller Inspiration bin.

Wenn etwas in mir ist, dem ich in irgendeiner Form Ausdruck verleihen möchte. Es sind diese Momente, wenn ich mir wünsche, noch besser schreiben zu können. Endlich mit der Malerei anzufangen. Oder ein noch besserer Komponist zu sein.

Heute würde ich ein Bild malen. Voller Harmonie. Ich würde eine riesige Leinwand verwenden, um mich austoben zu können. Um mich nicht begrenzt zu fühlen von der Enge eines kleinen Blattes.

Ich würde etwas abstraktes Malen. So abstrakt, wie unsere Emotionen nicht fassbar oder beschreibbar sind – sondern nur erlebbar.

Ich muss gestehen, dass ich noch kein Bild vor Augen habe, sondern einfach die Farben auf mich wirken lassen würde. Was ich aber wüsste, wäre, dass das Bild zweigeteilt wäre.

Auf den ersten Blick würde man meinen, dass der zweite Teil die Schönheit der Harmonie zerstört.

Doch das ist nicht der Fall.

Das ganze Bild wäre eine Einheit, die das Leben widerspiegelt.

Inspiriert von einer wunderschönen Folge Star Trek saß ich eben am Fenster, nachts, bei klammem Wetter.

Ich dachte über das nach, was ich eben gesehen hatte. Wie Captain Picard aufgrund eines Erlebnisses in seiner eigenen Zukunft in seiner richtigen Zeit etwas Neues ausprobierte. Bisher war er ein Mensch, der Distanz zu anderen Menschen wahrte und doch herzlich mit ihnen umging. Nun setzte er sich das erste Mal in seinem Leben gemeinsam zu seinen Freunden an einen Poker-Tisch. Er stellte fest, dass er das hätte schon viel früher machen sollen.

Was folgte, waren Erinnerungen, die er an seine erlebte Zukunft hatte. Wie sich seine Freunde verstritten und manche starben.

Es muss ein wahnsinniges Gefühl sein, diese Situation wirklich zu erleben.

Und so schaute ich, was ich in meinem Leben neues tun könnte.

Irgendwie kam ich dann auf einen Menschen, mit dem ich eine wunderschöne Zeit erlebte. Leider viel zu kurz, doch wahrscheinlich sollte es genau so sein.

In mir kam die Erinnerung hoch, wie wir eines Abends zusammen liefen und sie mir erzählte, dass in ihr ein grauer Schleier sei. Eine trübsinnige Stimmung, die sie immer wieder einzufangen schien. Ich weiß nicht mehr genau, ob sie es sogar als depressiv beschrieb, doch das spielt keine Rolle.

Denn ich weiß noch genau, wie ich meine Unfähigkeit bemerkte, ihr in dieser Situation zu helfen.

Ich fühlte mich, als stünden wir beide vor dem selben Abgrund. Nur leider nicht auf der gleichen Seite. Und obwohl ich wusste, wie schön es auf meiner Seite war, konnte ich ihr nicht den Weg zeigen, der sie auf die Seite führte, wo es auch ihr gut ging.

Wie das im Leben manchmal so läuft, lebten wir uns auseinander. Oberflächliche, seltene „Hallo, wie geht es dir Nachrichten?“ mochte sie nicht und so habe ich sie in Ruhe gelassen.

Diese Erinnerungen brachten mich darauf, zu denken, was ich ihr gerne sagen würde. Für welch wunderschönen Menschen

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ich sie hielt. Aufrichtig, ehrlich, herzlich. Ein Segen für das, was wir Menschen nennen.

In dem Moment verkörperte sie für mich die Harmonie. Etwas, wo du dich zuhause fühlst. Angekommen sein. Daheim. Hier, dort, überall und nirgendwo – der Ort spielt auf einmal keine Rolle mehr, denn alles scheint bedeutungslos zu sein.

Es war wie eine innige Umarmung mit einem Menschen, der dir alles bedeutet. Anschließend blickst du ihm in die Augen. Und weiter. Und weiter.

Während bei zu langem in die Augen blicken oftmals Angst eine Rolle spielt, existiert das hier nicht. In dem Moment hast du etwas gefunden, dem du dich voll hingeben kannst. Auch die Zeit spielt keine Rolle mehr und so nimmt dieser Augenblick im wahrsten Sinne des Wortes Alles ein.

Und diese Empfindung nennt sich dann Harmonie.

Ja. Wie würde ich das malen?

Wahrscheinlich würde ich so lange Farben und Formen anordnen, bis ihr Ausdruck in mir genau diese Stimmung widerspiegeln würde. Bis es perfekt wäre.

Und dann würde es passieren.

Ich nehme meinen Pinsel, tauche ihn in die schwarze Farbe und fange penibel an, nur ein kleines Stück innerhalb der linken oberen Ecke die Farbe aufzutragen. Quer durch das Bild. Bis ich eine Art schwarze Zitrone in meinem Bild hätte.

Anschließend würde ich das schwarz noch mit Rot, Orange und was weiß ich was verschönern, bis es einen Ausdruck von Gefahr und vor allem Hässlichkeit hätte.

Diese Art von Hässlichkeit, die dir nur das Leben verleihen kann. Wie, wenn du das komplett verbrannte Gesicht eines Menschen siehst. Im Spiegel. Weil es dein eigenes ist. Und du nur noch tiefste Abscheu für deine eigene Erscheinung empfindest.

So müsste dieses zitronenförmige Gebilde quer durch die Schönheit der Harmonie in meinem Bild verlaufen.

Doch penibel berührt diese Hässlichkeit nirgendwo den Rahmen. Die Harmonie ist es, die den Rahmen immer berührt.

Dieses Bild würde für mich das widergeben, was uns Menschen im Leben widerfährt.

Das kontroverse Dasein dieser Gegensätzlichkeiten. Nach außen die Schönheit proklamierend, doch im Inneren zutiefst zerrissen.

Es würde genauso ausdrücken, wie andere mich als Harmonie in Person wahrnehmen, ich mich selbst aber in all meiner Hässlichkeit.

Und es würde ein Warnruf sein, sich dieser Gegensätzlichkeiten bewusst zu werden.

Obgleich diese zitronenförmige Hässlichkeit nicht immer so groß und quer durch das Bild gehen muss, ist sie doch immer vorhanden.

Sie ist sogar nötig.

Unsere Harmonie erschaffen wir nicht selten aus dem, was einst hässlich war.

Wie der Mensch mit verbranntem Gesicht anfängt, mit diesem Gesicht zu leben. Und sich so zu akzeptieren. Und sich letztendlich zu lieben.

Manchmal ist es ein harter Weg. Und manchmal ein Weg voller Harmonie.

Sicher ist nur eines. Erleben tun wir beides.

Für das eine wünsche ich dir viel Kraft und für das andere den Sinn, es zu genießen.

Und mir wünsche ich einen Pinsel, eine Leinwand, viel Farbe und noch mehr Übung.

Doch jetzt ist die Zeit, „Let’s call it a day“ zu sagen. Denn auch morgen erwacht wieder ein Tag. Voller Gegensätzlichkeiten.

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