Neustart-Probleme in Chemnitz

Von Langeweile bin ich derzeit ja sowieso nicht geplagt, doch was sich in den letzten gut 24 Stunden schon wieder ereignet hat ist doch einer Geschichte wert.

Alles fing in Chemnitz an.

Mittlerweile mein Synonym für ein altes Leben, das äußerlich noch Bestand hat, jedoch wie ein so langsam aus dem Ei schlüpfendes Huhn, bereits erste Risse bekommt. Das Ende ist fest vordatiert.

Und wie beim Huhn der Ausbruch aus dem Ei, ist mein Neustart aus der sicheren Welt voller Ungewissheit, Gefahren und Vorfreude. Ich glaube mit diesem Vergleich kann ich euch am besten beschreiben, wie es mir gerade ergeht.

Doch zurück zu gestern 18.45 Uhr. Gerade habe ich meinen Platz am Bahnhof eingenommen, mit der Bahn App meine Zugverbindung gecheckt und warte.

Ein junger Mann, ungefähr mein Alter, spricht mich verwirrt an, ob unser Zug denn auch fahre. Es sei ein Lokführer-Streik. Ich verneine.

Unser Zug um 19.02 Uhr fährt planmäßig! So war es auch, bis …. 19 Uhr die blecherne Bahnhofsstimme den ersatzlosen Ausfall meines Zuges ankündigt.

„Wie jetzt?“ 2 Minuten vorher?! Während die Hälfte des Bahnhofes in deutsch-motzender Manier (man verzeihe mir die Verallgemeinerung) sich über die Bahn aufregte, interessierte mich dann doch eher wie ich um genau 21 Uhr und 2 Minuten meinen Zug aus Dresden in meinen Neustart erwische.

Scheiß auf 60ct für die sagenumwobene Bahn-Hotline. Im verwirrenden Telefonmenü geht in der „Abteilung Regionalbahn“ niemand an die Hotline.

Ich beschwöre den Anrufbeantworter mit einer Bitte um dringenden Rückruf. Meinen Aufnahmetest in Wien kann ich nicht eben mal um einen Tag verschieben. Lediglich um ein Jahr.

(da fällt mir ein, bis jetzt hat sich noch niemand auf meine Durchsage gemeldet. So viel zu „Wir werden uns ihrem Problem annehmen und uns umgehend mit Ihnen in Verbindung setzen“)

Nun ja, das nächste Mal lande ich bei der Hotline in der Abteilung Fahrgastbeschwerden und lasse mich von der wirklich freundlichen Dame aufklären; an der Fahrgastinformation könne man mir weiterhelfen.

Ich frage also die 20-Personen-Schlange, ob ich mich vordrängeln dürfe, da ich in mittlerweile 80 Minuten die 100 km nach Dresden auf welche Art auch immer überwunden haben müsse.

Leider erhalte ich von der Bahn-Dame nur eine Bestätigung, dass mein Zug ausgefallen sei. Wow, nun … das wusste ich noch gar nicht?! Also weiter im Text. Taxi? Mietwagen?

Mietwagen! Dass in der Weltmetropole Chemnitz die Autoverleiher lediglich bis 18 Uhr aufhaben, dürfte an dieser Stelle kaum noch verwundern. Doch an der Messe, weit ab von Bahnhof, finde ich einen Verleih, der bis 21 Uhr geöffnet hat.

Leicht schwitzend laufe ich mit der Gewissheit los, meinen Zug nach Wien definitiv zu schaffen. Doch auf einmal schleifte die Kinnlade 2 Etagen tiefer nur knapp über dem Boden. 250€ für den Mietwagen samt Sprit und 200€ Kaution. So war die Geschichte dann doch nicht geplant!

Wer kann helfen? Und vor allem schnell?!

Meinen Schutzengel fand ich in meinem Chef, der mich 19:40 Uhr am sagenumwobenen Marx-Nischel abholte. Per Tiefflug erreichte ich 20.30 Uhr den Dresdner Hauptbahnhof… und hier die nächste Überraschung.

Action in Dresden – der Neustart verzögert sich

Der Lokführer-Streik, welcher von 19-21 Uhr andauerte, verfolgte mich!

Damn! Zur 21.02 Uhr geplanten Abfahrt in Dresden stand mein Nightliner noch seelenruhig in den fabulösen Hallen der deutschen Hauptstadt Berlin.

Doch ich wollte in die österreichische Hauptstadt Wien, und das bis 9 Uhr des folgenden Tages.

Schaffe ich das noch? Wieder kam mir die Idee mit dem Mietwagen.

So ein Neustart ist nicht einfach!

Doch um die Sache, und damit 150 Minuten Wartezeit und weitere deutsch-bürokratische Dokumente der Deutschen Bahn abzukürzen, sei erwähnt, dass ich 23.30 Uhr mein luxuriöses Schlafabteil bezog.

Dass ich mit Marianna, die in Wien ebenfalls einen Neustart wagt, noch eine halbe Stunde voller kriegerisch-kreischender Sirenen im Dresdner Hauptbahnhof erlebte, die uns aufforderten, dass Gebäude zu verlassen –nur um Minuten später dies als Falschmeldung abzutun, passte einfach nur noch zu diesem Trip!

So ein Schlafwagen ist wirklich nicht verkehrt.

Doch wurde er schnell zum blechernen Gefängnis, stand doch in den Sternen, ob ich den Einlass-Schluss zum Test 10 Uhr schaffen würde.

Ursprünglich geplante Ankunftszeit war 6.34 Uhr. Das ganze +2,5 Stunden Verspätung. Also voraussichtliche Ankunftszeit nun 9 Uhr.

Puh.

Ich hab doch keine Ahnung wie es in Wien aussieht, wo ich hin muss und fününününü.

Halb 9 endlich Ankunft! Dank Internet und Öffi hatte ich mittlerweile einen Plan und 9 Uhr stand ich zusammen mit 2000 anderen Psychologie-Willigen an der Messe in Wien.

An meinen Nachbarplatz in „Sektor 14“ gesellte sich Raisa. 500 Studenten würden in den nächsten 3,5 Stunden zum diesjährigen Studienbeginn auserkoren. Mit meiner entzückenden Nachbarin beschloss ich kurzerhand, dass anstatt der 500 Plätze nur 498 vergeben würden.

2 Plätze waren für uns reserviert. Und sie sind es noch immer, so hoffe ich!

Gegen 15 Uhr konnte ich das erste Mal durchatmen.

Ich hatte den härtesten Test meines Lebens hinter mir. Dabei ging es doch um gar nichts. Außer einen Neustart meines Lebens.

Ich nahm mich das erste Mal wieder selbst wahr. Da waren Gefühle wie bei einem kleinen Kind.

Neue Stadt, neue Erfahrungen, neues Umfeld und ein neues Leben – halt ein kompletter Neustart.

Ich wollte eine 2. Chance – und ich würde sie mir nehmen. Der Preis – alles! Die Aussichten – unklar! Der Gewinn – alles!

Fairer Deal!

Und so fuhr ich wieder durch die dunklen Wiener U-Bahn-Linien. Gott hatte ich die Nase voll. Allerdings eher sprichwörtlich 😉

Ich spürte förmlich die schlechte Stimmung und Trostlosigkeit dieser unwirklichen U-Bahn-Welt.

Wenig später saß ich in meiner hoffentlich bald neuen Straßenbahn Richtung Döbling. Und je weiter ich vom Zentrum an die „Hohe Warte“ fuhr, desto schöner wurde Wien.

Grüner, gemütlicher, liebenswerter, lebenswerter, lohnenswerter.

Was dann folgte, war eine WG-Besichtigung vom feinsten.

Top Wohnung, 2 interessante Mitbewohner und ein vierbeiniges Energiebündel lassen mich hoffen, bald eine neue Bleibe gefunden zu haben.

Neustart-Feeling

Den perfekten Wohnort für meinen Neustart hatte ich gefunden, was nun folgte, war die reinste Gefühlsduselei.

4 Stunden ohne Plan in einer fremden Stadt. Was sollte ich tun?!

MC Donalds hatte ich schon mehr als oft besucht und Bahnhöfe hatte ich mindestens genauso satt.

Ich entschied mich für das, was ich am besten kann; die Situation zu genießen.

Und so fuhr und fuhr ich. Irgendwo in der Stadt stieg ich aus und lief.

Wohin – keine Ahnung.

Der strömende Regen berührte mich nicht im Geringsten. Mit träumerischer Musik stiefelte ich in Gedanken versunken, was an diesem wunderschönen Ort alles passieren würde, durch die Wiener Innenstadt.

Vorbei an edlen Läden, alten Gebäuden, wunderschönen Gassen und Kirchen.

Schaut euch die Bilder an. Ich habe weder eine Ahnung, was es ist noch wo ich diese Fotos gemacht habe. Sie waren einfach da.

Sind mir bei meiner ersten Entdeckungstour vor die Flinte gesprungen. Als würde mir die Stadt ein erstes sinnliches Hallo sagen wollen.

Und so entdeckte ich noch dieses wunderschöne Plakat. Die Stadtbezirke flogen an mir vorbei. 1, 2 … whatever. Es gibt auch wichtigeres.

Ich ließ mich also treiben und beobachtete das langsam dunkler werdende Wien an der Donau. Und irgendwann stieß mir eine nette Shisha-Bar ins Auge.

Nach einer kurzen Überlegung machte ich kehrt und ließ hier den ersten Tag meines Neustartes auf mich wirken.

Und so sitze ich hier. Schaue aus dem Fenster, mit meinem persischen Apfel-Tee und einer herrlichen Traube-Minze Shisha.

Freunde, hier fühl ich mich wohl. Anbei ein kleiner Dank an alle, die mich bis hierher auf welche Art auch immer unterstützt haben. Ohne euch hätte ich es nicht geschafft!

Und das wisst ihr!

Zwar komme ich mir immer noch komisch vor, so eine Geschichte im Internet zu veröffentlichen. Doch hoffe ich eines. Sie soll etwas transportieren.

Eindrücke, Gedanken und Gefühle aus meinem Leben. Denn Emotionen sind das, was mein Leben ausmacht. So ist das mit Veränderung als einziger Konstante.

Und ich hoffe, euch mit diesen Emotionen zu berühren. Sind wir doch alle fühlende Wesen, die nach dem Erleben der unterschiedlichsten Emotionen streben.

Während uns die einen lieber als die anderen sind, gehören doch alle zum Leben. Und so schließe ich den heutigen Tag und meinen Laptop mit der Gewissheit, dass die Schale des Kükens Risse bekommen hat.

Die ersten Eindrücke meines Neustarts sind wohl am überwältigensten und so bin ich voller Vorfreude auf Wien und das Kennenlernen aller Feinheiten, die die Psychologie zu bieten hat.

Dass Sigmund Freud einst hier lehrte … was soll ich sagen … Noch viele Fragen, was uns Menschen bewegt, sind ungeklärt.

Und meine Mission ist klar.

Ich danke euch für das Lesen dieser Zeilen und wünsche euch von Herzen das Beste!

Euer Christian

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